TRADITION, FUNKTIONALITÄT UND LANDSCHAFT
La casa tradicional
Vivienda tradicional spiegelt den Einfallsreichtum einer Architektur wider, die an Klima, Landschaft und die Knappheit der Ressourcen angepasst ist.
Betrachten Sie dieses Haus nicht mit den Augen von heute. Betrachten Sie es als das, was es wirklich ist: eine Überlebensmaschine.
Auf Lanzarote bestimmten Wind, Licht und Wasserknappheit jede Entscheidung – auch die Art und Weise, wie Häuser gebaut wurden. Die Flachdächer waren nicht nur eine ästhetische Wahl: Sie sammelten das Regenwasser und leiteten es in den Aljibe, die unterirdische Zisterne, die darüber entscheiden konnte, ob Wasser vorhanden war oder nicht. Die dicken Steinmauern schützten vor dem Wind und sorgten für eine gleichmäßige Temperatur im Inneren. Der Innenhof, vor den Passatwinden geschützt, bildete das eigentliche Herz des Hauses – der Ort, an dem sich ein großer Teil des täglichen Lebens abspielte.
Alles war darauf ausgelegt, Raum und Ressourcen bestmöglich zu nutzen. Holzkisten dienten gleichzeitig als Aufbewahrung und Sitzgelegenheit. Die Catres de viento, eine Art freistehender Hängematten, wurden tagsüber zusammengeklappt, um Platz zu schaffen. In einem Haus, in dem nichts überflüssig war, erfüllten fast alle Gegenstände mehrere Funktionen.
Auch das Haus selbst entwickelte sich mit seinen Bewohnern weiter. Die Räume wurden erweitert, wenn die Familie wuchs, und je nach Tageszeit und Bedarf unterschiedlich genutzt.
Cuarto de aperos: Werkzeuge für eine neue Landschaft
Am 1. September 1730 begannen die Ausbrüche von Timanfaya. Sie dauerten sechs Jahre.
Als sie endeten, war ein großer Teil Lanzarotes von einer dicken Schicht Piroklast bedeckt. Die einstigen Getreidefelder lagen unter meterdicken Schichten aus Asche und Lava begraben. Alles schien darauf hinzudeuten, dass die Landwirtschaft ihr Ende gefunden hatte. Doch diese veränderte Landschaft markierte den Beginn einer neuen Art des Anbaus.
Die Bauern entdeckten, dass sie weiter säen konnten, wenn sie den Piroklast beiseiteschoben, bis sie den fruchtbaren Boden erreichten. Außerdem erkannten sie, dass die Vulkanasche kein Hindernis, sondern ein Verbündeter war: Sie speicherte die Feuchtigkeit der Luft, schützte den Boden vor Sonne und Wind und förderte das Wachstum der Pflanzen. Aus der Not heraus entstand ein weltweit einzigartiges landwirtschaftliches System, das eine scheinbar unfruchtbare Landschaft in fruchtbares Ackerland verwandelte.
Die hier ausgestellten Werkzeuge spiegeln diesen Einfallsreichtum wider. Die Tanganilla, die Rastrilla, die Pala und der Escardillo wurden eigens für die Bearbeitung dieses besonderen Bodens entwickelt, bei dem jede Arbeit ein spezielles Werkzeug erforderte. Sie sind weit mehr als einfache Arbeitsgeräte – sie stehen für das Wissen, das über Generationen hinweg weitergegeben wurde, um sich an eine vulkanische Landschaft anzupassen.
Doch sie erzählen auch von einer besonderen Lebensweise. Auf Lanzarote wurden Werkzeuge geteilt, verliehen und von einer Person zur nächsten weitergegeben. Auf einer Insel mit begrenzten Ressourcen war die Zusammenarbeit unter den Nachbarn ebenso wichtig wie der Boden selbst. Das Überleben hing nicht allein von der Anstrengung des Einzelnen ab, sondern von der Fähigkeit einer Gemeinschaft, gemeinsam zu arbeiten.
Eine aus der Not geborene Architektur
Im Jahr 1974 veränderte ein Buch den Blick auf Lanzarote.
Mit Lanzarote, arquitectura inédita rückte César Manrique ein Kulturerbe in den Mittelpunkt, das schon immer Teil der Landschaft gewesen war, jedoch nur selten als solches wahrgenommen wurde: eine Architektur ohne Architekten, entstanden aus Jahrhunderten der Erfahrung und der Anpassung an die Gegebenheiten der Insel. Eine Architektur, die Antworten auf ganz einfache Fragen gab:
Wie schützt man sich vor dem Wind? Wie nutzt man Regenwasser bestmöglich? Wie kann man wohnen und arbeiten, wenn die Ressourcen knapp sind?
Das traditionelle Wohnhaus Lanzarotes ist die Antwort auf diese Herausforderungen. Nichts darin ist zufällig oder rein dekorativ. Die vor den Passatwinden geschützten Innenhöfe, die dicken Steinmauern, die Dächer zur Sammlung des Regenwassers und dessen Ableitung in den Aljibe sowie die Anordnung der Räume bilden ein harmonisches Ganzes, in dem jedes Element eine konkrete Funktion erfüllt.
In dieser Lebensweise spielten die Frauen eine zentrale Rolle. Neben den Aufgaben im Haushalt fertigten sie Empleita, verarbeiteten die Erzeugnisse der Landwirtschaft und beteiligten sich aktiv an der Feldarbeit. Im 19. und 20. Jahrhundert, als viele Männer die Insel verließen, um auszuwandern, waren es die Frauen, die die Familienwirtschaft aufrechterhielten, sich um Haus und Familie kümmerten und gleichzeitig das Land bewirtschafteten.
Von diesem Aussichtspunkt aus lässt sich dieses Erbe aus einer neuen Perspektive betrachten. Achten Sie auf die Innenhöfe, die Dächer, die Steinmauern und die Anordnung der Häuser. Jedes Element erfüllt einen bestimmten Zweck, doch gemeinsam schaffen sie eine unverwechselbare Identität: das Weiß des Kalks, das Schwarz des Vulkangesteins und die schlichte Formensprache, die die traditionelle Architektur zu einem der bedeutendsten Wahrzeichen Lanzarotes gemacht haben.
Was Sie hier sehen, erhebt nicht den Anspruch, alle Bauformen der traditionellen Architektur Lanzarotes zu zeigen. Vielmehr handelt es sich um eine repräsentative Auswahl, die verdeutlicht, wie die Insel gebaut wurde und warum dieses kulturelle Erbe bewahrt werden sollte.